Das Institut für Waldorf-Pädagogik Witten/Annen, insbesondere Gerd Kellermann und Griet Hellinckx, arbeiten seit dem 1. Oktober 2002 an dem Entwurf eines europäischen Master-Studiengangs für Waldorfpädagogik. Dies geschieht in Kooperation mit der University of Plymouth in Großbritannien (John Burnett und Trevor Mepham), der Rudolf Steinerhögskolan in Schweden (Maria Eloranta und Örjan Retsler), dem Solymár Waldorf Képzés in Ungarn (Sam Betts) und der Hogeschool Helicon in den Niederlanden (Christiaan Eckhart und Gerrie de Valk). Christopher Clouder ist als ständiger Vertreter des European Council for Steiner Waldorf Education bei den Arbeitstreffen anwesend. Drei Jahre lang wird die Entwicklungsarbeit durch eine finanzielle Förderung (Comeniusprojekt) seitens der europäischen Gemeinschaft unterstützt.
Ziel des Master-Studiengangs ist es, die von Rudolf Steiner angeregte „Praxis-Forschung“ des Lehrers mit einer professionellen Fortbildung auf akademischem Niveau zu verbinden, und zugleich die Möglichkeit zu schaffen, mit dieser Tätigkeit den akademischen Grad des Masters zu erwerben. Es sollen Fähigkeiten wie Beobachtung, kritische Reflektion und Selbstreflektion, sowie bereits praktizierte Formen der Forschung, die sich auf die konkrete Praxis beziehen, gefördert und weiter ausgebildet werden, so dass diese Praxisforschung sowohl in der Schulbewegung wie in der Öffentlichkeit dargestellt werden kann und in der öffentlichen erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Diskussion bestehen kann. Mit dem Studiengang sollen Schulentwicklungs- und Schulerneuerungsprozesse sowie eine europäische Zusammenarbeit innerhalb der Waldorfschulbewegung unterstützt werden.
Das Angebot des Master-Studiengangs richtet sich in erster Linie an tätige Waldorflehrer, aber auch an Eltern und Mitarbeiter, die in einem Schulzusammenhang arbeiten. Dieses Studium soll vorzugsweise in direkter Anbindung an den Schulalltag geschehen und so Forschung und Praxis miteinander verbinden. Dabei wäre es wünschenswert, wenn diejenigen, die sich zum Studium anmelden, eine Zusammenarbeit mit anderen Menschen aus der gleichen Schule oder aus anderen Schulen einplanen. Die persönlichen Forschungsfragen bestimmen den Inhalt und den Verlauf des Studiums. Deshalb sind Angebote wie Vorlesungen oder Seminarveranstaltungen zwar möglich, sie werden dennoch in der Regel nur einen geringen Teil des Studiums ausmachen.
Im ersten Arbeitsjahr hat die internationale Arbeitsgruppe sich fünfmal getroffen. Mehrere externe Berater und Kollegen haben an Abschnitten dieser Treffen teilgenommen: Christoph Wiechert (Pädagogische Sektion, Dornach), Martin Wienert (Witten/Annen), Dr. David Parker (University of Plymouth), David Brierley (Oslo), Arve Mathison (Oslo). Mit dem Blick auf eine mögliche Zusammenarbeit fand u.a. ein anregender Austausch mit der Initiative für Praxisforschung in Solothurn, Schweiz statt. Auch mit den Mitarbeitern des Integrated Masters Programme (University of Plymouth) fanden Kooperationsgespräche statt. Im Oktober 2003 hat in Anwesenheit von Sean Feerick (Directorate General for Education and Culture, Europäische Kommission) ein Rückblick und eine erste Evaluation der Arbeit stattgefunden.
Eine kurze Aufzählung dessen, was die Mitglieder der Arbeitsgruppe in dem ersten Jahr beschäftigt hat, möge einen Einblick in die Komplexität der Arbeit gewähren:
· Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Anregungen bezüglich Praxisforschung und Lehrerfortbildung
· Auseinandersetzung mit den bildungspolitischen Entwicklungen auf europäischer Ebene (Bologna/Lissabon)
· Austausch über die Situation in den einzelnen teilnehmenden Ländern (Bildungssystem, Status und Finanzierung der Waldorfschulen sowie der Lehreraus- und -fortbildung)
· Kennenlernen von bereits existierenden Modellen der Praxisforschung sowie von Master-Studiengängen, die auf Forschung und/oder Schulpraxis basieren. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang u.a. Programme der folgenden Universitäten: Liverpool, Greenwich, Plymouth und Linkoping, sowie die Arbeiten von David Parker (SWIfT, University Plymouth) Prof. Dr. Peter Schneider (Universität Paderborn), Professor Meyer (Universität Oldenburg), Dr. Herbert Altrichter (Universität Linz), Dr. Peter Posch (Universität Klagenfurt), Dr. Cathy Nutbrown (University of Sheffield).
· Außerdem beschäftigten wir uns mit verwandten Ansätzen, die es bereits in der Waldorfbewegung gibt. Sowohl der Kontakt mit der Initiative für Praxisforschung (
http://www.ipf-ipr.net/) in der Schweiz als auch der mit Torin Finser (Antioch, USA) war sehr hilfreich. Diese Gespräche werden zur Übersetzung einer Broschüre über Praxisforschung an Waldorfschulen führen. (Autor: Torin Finser; Übersetzung und Herausgabe: ipf).
· Fragen der Akkreditierung des Programms führten zu einem ersten Beschluss, die Möglichkeiten der University of Plymouth zu nutzen. Ein Pilotmodul (Waldorf Pedagogy at Masters Level) wurde entworfen und von der Universität Plymouth im Juli 2003 genehmigt. Eine Gruppe von 16 englischen Kollegen der Cotswold Chine Special School in Gloucestershire ist seit September 2003 hierfür angemeldet.
Im Laufe des ersten Jahres haben die Partner der einzelnen Länder Kollegen und Interessenten über das Vorhaben informiert. Es wurden in mehreren nationalen und internationalen Zeitschriften Artikel und Berichte veröffentlicht: ‘Vrije OpvoedKunst’ (Niederlande), Motief (Niederlande), Erziehungskunst (Deutschland), Lehrerrundbrief (Deutschland), Mitteilungen – Anthroposophie weltweit, "På Väg" (Schweden), SWSF Newsletter (Großbritannien), und Das Goetheanum (Schweiz). Im Mai 2003 wurde eine projektbezogene Website ins Internet gestellt:
http://www.steinerwaldorfma.org/ . Durch diese Informationstätigkeit kam ein hilfreicher und anregender Gedankenaustausch mit vielen Kollegen in Gang. Es wurde ersichtlich, dass ein reges Interesse sowohl an den Zielen als auch an der akademischen Form vorhanden ist.
Vom 27. bis 30. Januar 2004 fand in Zeist das erste Treffen der zweiten Phase statt. Hier wurde nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass der Master-Studiengang in Waldorfpädagogik in das bestehende Integrated Masters Programme (abgekürzt IMP) der Universität Plymouth eingegliedert werden soll. Diese Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen. Das IMP bietet ein Gefäß, ein Spielfeld für das, was mit dem Master-Studiengang beabsichtigt wird. Diese Form existiert dort seit vielen Jahren und hat die Bewährungsprobe bestanden, vor allem im Zusammenhang mit Fortbildung für Kollegen, die in der Praxis stehen und auf einem angemessenen akademischen Niveau forschend tätig werden wollen. Das Modell bietet nach unserer Einschätzung ein großes Maß an Freiheit und Offenheit sowie einen Schatz an Erfahrung und Sachverstand. Ein Studiengang innerhalb des IMP beinhaltet vier Module und die Arbeit an einer Dissertation. Jedes Modul kann als ein selbstständiges Fortbildungselement betrachtet werden. Der Studierende kann Pausen einlegen, sowie den Verlauf eines Studiums über mehrere Jahre individuell gestalten. Dabei hat er oder sie die Möglichkeit sowohl an Modulen im eigenen Land wie im Ausland teilnehmen zu können. Es gibt keine festgelegte Reihenfolge weder im Bezug auf die Module noch auf die Aufgaben. Nur in der Dissertation kommt es zu einer Art Apotheose, die erst durch die geleistete Vorarbeit und die in den einzelnen Modulen erworbene Kompetenz möglich wird. (Insgesamt müssen nach dem in Großbritannien üblichen CATS-System bis zum Abschluss 180 Credits erworben werden, dies entspricht 120 ECTS).
Das IMP-Modell spricht sich nicht über Inhalte aus, aber bestimmt fünf Möglichkeiten der Aufgabenstellungen zur Beurteilung oder Prüfung der Kompetenz der Studierenden. Bis jetzt wurden die Ergebnisse meistens in Form von schriftlichen Arbeiten eingereicht. Dies ist jedoch nicht zwingend. Es handelt sich um folgende Aufgabenstellungen:
- kritische Auseinandersetzung mit Literatur zu einem bestimmten Thema
- Praxisentwicklung anhand eines Projektes
- Sammeln von Daten und deren Analyse
- Reflektive Auseinandersetzung mit der Praxis
- Eine These argumentativ begründen
Die Steuerungsgruppe sieht es als eine ihrer Aufgaben, die Möglichkeiten dieser Aufgabenstellungen auszuloten. Wie kann eine künstlerische oder praktische Arbeit hier einen Platz haben? Welche Möglichkeiten der Beurteilung gibt es in einem solchen Fall?
Wenn solche Fragestellungen bewegt werden, taucht bald die Frage nach der Wissenschaftlichkeit auf. Die Arbeit, die von den Studierenden geleistet wird, soll so sein, dass ein nicht anthroposophisch vorgebildeter Leser oder Zuhörer die Gedankengänge verfolgen kann. Was heißt das? Welche Klippen gilt es zu umschiffen? Welche Horizonte eröffnen sich? Was ist Forschung im Bereich Schule und Bildung aus anthroposophischer Sicht? Welche Bedeutung hat es, dass wir von Erziehungskunst, statt von Erziehungswissenschaften sprechen?
Zu diesen Fragen hofft die Planungsgruppe auf eine breite Debatte innerhalb der Waldorfbewegung. Wenn wir einen Wunsch frei hätten, würden wir uns eine Reihe von Arbeitspapieren wünschen, die auf der (im Moment nicht ganz aktuellen) Website veröffentlicht werden könnten. Wenn genug Rückmeldungen aus den einzelnen Ländern kommen, lässt sich dies vielleicht in Zukunft als Anregung für Studierende als Broschüre veröffentlichen. Melden Sie sich, wenn Sie etwas beitragen können!!!
Bei der Planung wird zunehmend deutlich, dass ein schrittweiser Auf- und Ausbau nötig ist. Wie bereits erwähnt, werden in einem Pilotmodul mit den Kollegen der Cotswold Chine Special School in England erste Erfahrungen gesammelt. Voraussichtlich werden in absehbarer Zeit weitere Pilotmodule angeboten werden. Der Studiengang soll in Zukunft von einem Netzwerk von internationalen Tutoren unter den Auspizien des IMP/University of Plymouth (Approved University Tutors) getragen und gestaltet werden. Diese werden in einer ersten Phase von der University of Plymouth in Rücksprache mit der Projektgruppe auf diese Tätigkeit vorbereitet werden. Falls Sie Interesse an dieser Arbeit als Tutor hätten, bitten wir Sie, sich zu melden.
In einer ersten Phase wird Englisch die Arbeitssprache der Tutoren sein müssen, später soll sich dies jedoch zunehmend differenzieren. Dennoch möchten wir von Anfang an anstreben, dass Studierende in der eigenen Muttersprache arbeiten können und betreut werden. Die eingereichten Arbeiten müssen jedoch voraussichtlich ins Englische übersetzt werden. Denn die Studierenden sind voraussichtlich jedenfalls am Anfang Studierende der University of Plymouth und diese ist verantwortlich für die Qualitätssicherung,
Viele Fragen, die uns von interessierten Kollegen erreichen, lassen sich noch nicht eindeutig beantworten. Wir vermuten zum Beispiel, dass sich einiges in Bezug auf Unterrichtsgenehmigung und Rückfinanzierung der Gehälter zum Positiven ändern könnte, wenn Kollegen einen MA-Abschluss in der Tasche haben, aber wir wissen es nicht. Die Fragen nach Akkreditierung, Kosten und Finanzierung werden ebenfalls oft gestellt. Durch die Eingliederung in das IMP ist sowohl garantiert, dass der Studiengang akkreditiert sein wird, als auch, dass er in Bezug auf Finanzierung und Studiengebühren entsprechend den jeweils geltenden britischen Bestimmungen behandelt wird. Im Moment werden alle EU-Studierenden in England so eingestuft wie die aus dem eigenen Lande. Das heißt, dass Gelder für sie an die Universität fließen und dass Studiengebühren erhoben werden. Zur Zeit sind dies für das IMP 225 Pfund pro Modul, bzw. etwa 2100 Euro für den gesamten Studiengang. Viel teurer wird es für Kollegen von außerhalb der EU (z.B. auch aus der Schweiz). Wie jeder Zeitungsleser weiß, wird diese Thematik im Moment nicht nur in Deutschland kontrovers diskutiert. Somit wissen wir nicht, was in Zukunft auf uns zukommt. Außerdem begibt das IMP-Team sich durch die Kooperation mit unseren Institutionen auf ein neues Feld. Welche Form kann diese Kooperation annehmen - auch im Finanziellen? Eine ungeklärte, brisante Frage.
In nächster Zukunft müssen an erster Stelle die folgenden Fragestellungen und Aufgaben weiter geklärt bzw. gelöst werden:
· Inhaltlicher Entwurf eines Praxisforschungs-MA-Studiengangs für die europäische Waldorfschulbewegung
· Aufnahmebedingungen und -verfahren, Evaluationsmethoden
· Chancen und Probleme eines mehrsprachigen, europäischen Studiengangs
· Form und Gestalt der Kooperation zwischen den Einrichtungen
· Modul- und Creditsysteme
· Kontaktaufnahme mit und Schulung von möglichen Tutoren (University Approved Tutors), praktische Umsetzung eines Betreuungsmodells für die Studierenden
· Finanzierungsfragen
· Kontakte und Zusammenarbeit mit Verantwortungsträgern der nationalen Bildungssysteme
· Weitere Veröffentlichungen und Informationsveranstaltungen
Für Anregungen oder weitere Informationen wenden Sie sich bitte an
Griet Hellinckx
hellinckx@waifwp.de oder
Gerd Kellermann
kellermann@waldorf-nrw.deInstitut für Waldorf-Pädagogik Witten/Annen, Annener Berg 15, D-58454 Witten